Röm.-kath. Pfarrei Hl. Mutter Teresa Chemnitz
Gemeinde St. Antonius
Erfenschlager Str. 27 • 09125 Chemnitz • Tel.: 0371/50034
Kreuz
+++ Wir wünschen allen einen schönen Urlaub, Gottes Segen auf Ihren Reisen ... und denen, die in den Sommerferien hier bleiben (müssen), trösten wir damit: die Kirche bleibt auch hier! - Ihr Webmasterteam +++

Gott ja! Kirche nein!
 
Das ist "mein" Platz in der Kirche: die vierte Bankreihe außen. Ich sitze neben der 12. Kreuzwegstation und nicht weit weg voneinem Heizkörper. Das ist mir im Winter nicht ganz unsympathisch. Von diesem Platz aus habe ich lebhafte Familiengottesdienste und ruhige, tiefsinnige Predigten erlebt. Auf diesem Platz habe ich gebetet, gesungen, gelacht aber auch Trauer erlebt - bei Requiems zum Beispiel. Ich habe gegen Müdigkeit angekämpft, mich geärgert, oft gefreut, war traurig oder glücklich, gelangweilt oder gespannt, ängstlich oder zuversichtlich, habe gelacht oder war unausstehlich, hatte Kopfschmerzen oder keine - alles auf diesem Platz. Hier kann ich hinkommen, sonntags oder an anderen Tagen. Die vertrauten Altarfiguren empfangen mich, und verstehen es, meinen Blick von der hektischen, unsicheren Außenwelt nach innen zu lenken und natürlich auf Gott. Eine erhabene Ruhe verschluckt den Lärm der Welt. Ich blicke in den mir so vertrauten Altarraum.
 
 
Die Kirche - der Fels
 
Gott ja, Kirche nein. So hört man es immer wieder: Ich kann auch zu Hause beten, Pfarrer haben mir gar nichts zu sagen, alles was ich wissen muss, steht in der Bibel, die Kirche ist ein altes überkommenes, für manche auch verkommenes Relikt aus einer alten Zeit. ... Und so bleiben manche Plätze leer.
Gott ja, Kirche nein? Gott offenbart sich in der Bibel. Stimmt. Gott offenbart sich in bestimmten Lebenssituationen. Kann auch stimmen! Gott offenbart sich aber auch in der Kirche, denn Jesus hat die Kirche gestiftet. "Und ich sage dir auch: du bist Petrus, und auf diesen Fels will ich meine Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen." (Mt. 16,18). Somit ist die Kirche nicht nur ein frömmelnder Verein, dem man als Christ beitreten kann oder auch nicht, sondern Grundlage des christlichen Glaubens und Lebens. Sie ist von Gott (Jesus) gewollt und wer seinen Glauben Gottes Worten zugrunde legt, der wird eines Tages in der Kirche ankommen (müssen). Sie ist theologische Instanz, geistige und geistliche Bereicherung sowie Wegweiser im Glaubensleben für jeden Christen. Doch warum gibt es dann so viele freie Plätze in der Kirche, gerade auch in einer Zeit, wo viele (scheinbare) Sicherheiten wegbrechen, Welt und Anforderungen immer hektischer werden und man den Eindruck gewinnen könnte, dass Werte sich dem Wert in Euro unterordnen müssen? Warum bleiben so viele Plätze leer in der Kirche, einer Einrichtung, die seit Jahrhunderten predigt, dass der Wert eines Menschen nicht vom Geld und seiner Leistung bestimmt wird, sondern jeder Mensch geliebt wird von Gott, dem Lenker der Welt!
 
 
Die frohe Botschaft reicht nicht?
 
Angenommen, vor einer Bankfiliale steht ein kleiner Aufsteller. Dort kann der Fußgänger folgende Sätze lesen: „Bitte treten Sie ein, auch wenn Sie keinen Pfennig in der Tasche haben. Sie sind uns wertvoll und wir schenken Ihnen das, was Sie zum Leben brauchen!" Wer würde an diesem Schild vorbeigehen? Das genau ist die Botschaft Gottes: "Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!" (Jesaja 55,1). Das ist natürlich keine Einladung, nun eine Karriere als Ladendieb oder Zechpreller zu beginnen. Natürlich muss man für sein Leben (finanzielle) Sorge tragen und das tun, was man tun muss und kann. Doch man braucht es nicht alleine zu machen. Gott geht mit. Er ist nicht nur geschäftsmäßig da, der einen (vergleichbar mit dem Rechtsanwalt) durch verschiedene Instanzen (Widerstände) zum Ziel boxt um sich nach erledigter Arbeit einem neuen Klienten zuzuwenden, nein Gott bleibt beim Menschen: "weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. ... So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir... (Jesaja 43,4-5). Warum rennt man der Kirche, die so eine fantastische Botschaft zu verkünden hat, nicht die Türen ein? Weil man ihr das nicht (mehr) abnimmt? Weil diese Botschaft nicht glaubwürdig ist? Dann wäre nicht nur die Beziehung zur Kirche tot, sondern auch der private Glaube gestorben. Viele Menschen sagen aber, dass sie durchaus an Gott und seine Botschaften glauben, das aber ohne Kirche genauso gut könnten.
 
 
Die "Firma" Kirche - der wackelige Fels?
 
Also muss es und kann es nur an der "Firma" Kirche liegen oder an dem Bild Kirche, das in den Medien verbreitet wird: Was Kirche lehrt oder fordert sind Dogmen aus einer längst vergangenen Zeit. Damit bekommt man keinen modernen Menschen hinter dem Ofen hervor. Zu allem Überfluss kocht nun noch der Missbrauchsskandal über. Welch ein schwarzes Bild! Kirche? Nein, danke!
Was soll man diesen Urteilen entgegensetzen? Vielleicht den Hinweis, dass sich die Morallehre auf die Bergpredigt (Matthäus, Kap. 5 bis Kap. 7) stützt und gerade in einer Welt, in der Werteverfall beklagt wird, berechtigt und wichtig ist? Im Jahr 2010 gelangten Missbrauchsfälle, (leider auch) von kirchlichen Mitarbeitern an Kindern verübt, Gewalt an teilweise katholischen Einrichtungen und Vorwürfe eines in der Praxis zu nachsichtigen Umgangs mit den Tätern in alle Medien. Welch ein Schock! Der Fels Kirche wackelt! Betroffen und traurigen Herzens steht jeder ehrliche Katholik bei den Missbrauchsopfern, voll Abscheu blickt er auf die Täter. Doch gestraft sind nicht nur die Opfer, sondern auch die (katholische) Kirche selbst: mit all ihren Mitarbeitern und Laien, die sich ehrlich, engagiert und ideenreich um die Kirche und die ihr anvertrauten Menschen bemühen, oft bescheiden und im Stillen, meistens ohne dabei auf die Uhr zu blicken. Gott ja, Kirche nein? Soll ich nun auch meinen Platz verlassen, den in Reihe 4, an der 12. Kreuzwegtafel und dem Heizkörper? Auch vor dem Hochkochen der schlimmen Missbrauchsfälle war nicht jeder Platz besetzt, gab es Unzufriedenheit, Kritik und Kirchenaustritte. Dabei haben Menschen nicht ihren Glauben an Gott verloren, sondern den an die Kirche. Gott ja, Kirche nein! Trotz aller (natürlich auch berechtigter) Kritik an die Kirche, verlieren die christlichen Grundsätze aus der Bergpredigt nicht ihren Wert. Sie bleiben gültig und werden von ehrlichen Priestern und Bischöfen auch glaubwürdig verkündet und gelebt. Diese Werte sind Gottes Anspruch an uns Christen, also keine Regeln, die sich Päpste, Bischöfe oder Pfarrer ausgedacht haben! Wenn wirklich ein Kirchenvertreter "öffentlich Wasser predigt und heimlich Wein trinkt", ist das schlimm und ärgerlich. Eine rote Ampel verliert aber auch nicht ihre Bestimmung, wenn der Vordermann sie ignoriert. Es wäre blauäugig von mir, mit dem Hinweis auf die Bergpredigt alle Reizthemen abzutun. Natürlich gibt es dort Diskussionsbedarf. Das ist auch gut so. Aber manchmal scheinen mir diese Schlagworte in der Gewichtung zu den großen anderen Themen der Morallehre (über die es oft gar keinen Disput gibt) überbewertet. Der Gottesdienstbesucher, der sonntags mit seinen Problemen in die Hl. Messe kommt, um von dort etwas Tröstendes und Ermutigendes mit nach Hause zu nehmen, fragt nicht jede Woche danach, wie gut oder schlecht der Priester die vergangene Woche mit seinem Zölibat zurecht gekommen ist.
 
 
Kirche - Gott baut den Fels mit Menschen
 
Gott hätte eine Kirche mit Hilfe der Engel stiften können, aber er hat sich Menschen gesucht, Menschen mit Macken und Fehlern. Eine in allen Dingen perfekte Kirche, von fehlerfreien Himmelsboten geführt, wäre abgehoben und in der Konsequenz nur dann perfekt, wenn der fehlbare Mensch als Entscheidungsträger ausgeschlossen wird; einfach, um mögliche Fehler ganz auszuschließen. Der Mensch säße als Zuschauer, aber nie als mitgestaltender Teil der Kirche im Sakralraum, falls er sich dort überhaupt noch hingezogen fühlen würde. Also hat Gott seine Kirche bewusst mit Menschen gebaut, und ihnen die Versicherung gegeben, das diese Kirche niemand zerstören kann: weder verrufene Päpste und Gegenpäpste, noch machthungrige, auf ihren Vorteil bedachte Bischöfe im Mittelalter ... niemand. Denn Kirche ist mehr, als das Bild einer autoritär herrschenden und glorifizierten Firma, die sich ins Leben der Menschen einmischt. Gewiss, sie hat eine von Gott geschenkte Autorität bekommen. Kirche muss den Menschen Werte vermitteln, ihnen sagen und zeigen, dass ein Leben nicht durch die Jagt nach Geld glücklicher wird, sondern dass jeder Mensche eine Würde hat und von Gott geliebt ist. Da spielen auch die 10 Gebote eine Rolle, an die sich Menschen halten müssen. Den Forderungen (Geboten), die Gott an uns Menschen hat, eine Stimme zu geben, ist Aufgabe der Kirche, damit ein gutes (Zusammen)-Leben gelingt. Manche Äußerungen oder Ansichten (zum Beispiel die des traditionellen Familienbildes) mögen in verschiedenen Kreisen auf scharfe Kritik bis hin zu Anfeindungen stoßen, aber das muss Kirche aushalten können, wenn die Argumente mit Gottes Willen an die Menschen belegbar sind. Für den Schwachen einzutreten, so wie Jesus es getan hat, auch das ist Aufgabe der Kirche. Nicht um sonst ist Kirche einer der größten Arbeitgeber in Deutschland, unterhält verschiedene Hilfsprojekte, wo den Schwachen, den Vergessenen, den Ausgegrenzten nicht nur Hilfe zuteil, sondern auch ihre von Gott verliehene Würde zurückgegeben wird. Oft sind Ordensleute früh vor Sonnenaufgang auf den Straßen bei Obdachlosen, werden Priester/Seelsorger nachts aus dem Bett geklingelt, weil im Krankenhaus jemand im Sterben liegt oder ein schlimmer Unfall passiert ist, fahren Gemeindemitglieder zu Leuten, um mit ihnen zu beten oder ihnen einfach nur zuzuhören, werden ehrenamtlich Pfarrbriefe entworfen, stehen Menschen mit Sammelbüchsen an der Straße, um für Hilfswerke Geld zu erbitten - alles im Stillen, ohne in den Nachrichten Erwähnung zu finden. Das wollen sie auch nicht. Aber es würde das Bild von Kirche in den Köpfen vielleicht positiv vervollständigen.
 
 
Kirche - die Gemeinschaft (im Glauben)
 
Kirche ist nicht zuletzt Gemeinschaft. Wäre es Trost genug, in den eigenen vier Wänden Bibel zu lesen, wenn es einem richtig schlecht geht? Bibel ja, Kirche nein? Viele haben die Erfahrung gemacht, dass es gut tut, wenn man in einer Gemeinschaft aufgefangen werden kann, die einen trägt und für einen eintritt, auch im Gebet. Gut, Formen von Gemeinschaft kann man auch im Skatverein, beim Angeln oder am Stammtisch haben. Das ist richtig. Aber kirchliche Gemeinschaften können sich gegenseitig stärken, weil sie eine Autorität an ihrer Seite wissen: Gott. Sie können gemeinsam beten oder sich Mut machen, weil vielleicht der eine gerade in seinem Leben Gottes Hand gespürt hat und mit diesem Erlebnis den anderen im Glauben stärken kann. Kirchliche Gemeinschaften versammeln sich nicht, um als Ziel im Vereinsleben ein bestimmtes Projekt/Hobby gemeinsam zu verfolgen (z. Bsp. Schach spielen), sie richten gemeinsam ihr Leben nach Gottes Lebensentwurf aus: im Idealfall von der Taufe bis zum Tod. Natürlich menschelt es auch in diesen Gemeinschaften, gibt es Freundschaften, aber auch Neid, Missgunst, Konfrontationen. Das ist normal zwischen Menschen, die aus unterschiedlichen Richtungen kommen. Aber Christen müssen nicht in zwischenmenschlich schwierigen Situationen verharren, denn sie haben das Wissen und die Zusicherung: Jesus ist für die Sünden gestorben, für Neid, Missgunst, Unfrieden zwischen den Gläubigen. Er kann zwischen den Menschen mit seiner Autorität Frieden stiften. Jeder, der im Streit ist, darf zu Jesus beten. Die Ziele der Kirchenbesucher sind (hoffentlich) die selben: von Gottes Wort und in Jesu Nachfolge gemeinsam zu leben, sowie sorgsam mit einander umzugehen. Das gilt auch für den Umgang mit ihrer Kirche, die unsere Vorfahren unter Entbehrungen aufgebaut haben, damit sie für uns und unsere Kinder attraktiv bleibt. Wenn Kirchenbänke erzählen könnten!
 
 
Supermarkt der Illusionen
 
Was wäre unser Glaube ohne die Wahrheiten, die Priester seit Jahrhunderten vermitteln, ohne verbindliche Dogmen, die seit Jahrhunderten als richtungsweisend und gültig akzeptiert werden? Es wäre ein bunter Mix aus dem Supermarkt der Illusionen: hier ein bisschen Esoterik, dort etwas Buddhismus und anstelle eines christlichen Gebotes, das gerade nicht auf innere Zustimmung stößt, nehmen wir lieber etwas fern-indisches. Und wenn man morgen in einer anderen Gefühlslage aufwacht, dann tauscht man dies mit dem und das mit dem, nimmt noch etwas aus dem Schubfach der Astrologie und sicherheitshalber einen Rosenkranz, den man zwar nicht beten wird, aber vielleicht Buddha um den Hals hängen kann, zur Sicherheit für das Seelenheil. Kann eine Seele wirklich heil werden, wenn sie nach Belieben zwischen den spirituellen Bildern schwimmt, ohne ordnende Richtlinien und göttlichen Zuspruch. Was taugen die zusammengeramschten Beliebigkeiten in Zeiten der Not, der Einsamkeit, der Umbrüche und Lebensfragen? Welchem Ding aus dem Supermarkt soll man nun trauen? Wie wertvoll können dann die Worte/der Rat eines Priesters sein, der die Bibel kennt, richtig auslegen und der Kraft seines Amtes und seiner Weihe mit Autorität (Gottes Vollmacht) Rat geben kann. Selbst (und das ist das Schöne an einem Beicht- oder Seelsorgegespräch) verschlungene Wege oder falsche Richtungen kann der Priester aus Sicht der Bibel beleuchten, eventuell korrigieren. Ängstliche oder schuldbeladene Menschen kann er Kraft seiner von Gott verliehenen Autorität trösten und ihnen verbindlich sagen: "Deine Sünden sind dir vergeben, weil Jesus dich frei gemacht hat und dich liebt. Hab keine Angst. Er ist da". Das Bibellesen zu Hause ist natürlich sehr wertvoll und zu empfehlen. In manchen Lebens-Situationen ist es aber hilfreich, wenn man einem Menschen gegenüber sitzt und/oder von einer Gemeinschaft getragen wird. Kirche ist so eine Gemeinschaft.
 
 
Mein Platz
 
Ich sitze immer noch auf meinem Platz in der vierten Reihe, ganz außen. Natürlich sehe ich auch, die leeren Plätze neben mir. Ich vermisse die Menschen, die früher dort gesessen haben, mit denen man Gemeinschaft hatte, die vielleicht mit sich gerungen haben und dann doch von der "Firma" Kirche enttäuscht wurden oder sich innerlich schon lange abgewendet hatten und nur noch einer weihnachtlichen Tradition gefolgt sind. Ich habe Kirche immer sehr geschätzt und ihre Vertreter in meinem Umfeld als positive, ehrliche, aufrichtige und fürsorgliche Menschen kennen gelernt habe. Vielleicht wird mein Platz nun etwas unbequemer werden, weil der Institution Kirche ein scharfer Wind entgegenbläst. Aber ich habe meinen Platz in einem Gotteshaus, in einem Haus, das Gott nie verlassen wird.
 
Text und Foto: Henning Leisterer