Röm.-kath. Pfarrei Hl. Mutter Teresa Chemnitz
Gemeinde St. Antonius
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Kreuz
+++ Wir wünschen allen einen schönen Urlaub, Gottes Segen auf Ihren Reisen ... und denen, die in den Sommerferien hier bleiben (müssen), trösten wir damit: die Kirche bleibt auch hier! - Ihr Webmasterteam +++

Warum lässt Gott Leid zu?
 
Ich glaube, diese Frage ist eine der schwersten und sicher auch eine der meist gestellten. Und es gibt darauf keine Antwort! Denn wenn Gott allmächtig ist, kann er das Leid verhindern. Doch kann er das nicht, weil auch er den Naturgesetzen unterworfen ist, dann ist er ohnmächtig und taugt nichts zu einer höheren Instanz. Oder aber er ist allmächtig und will das Leid nicht lindern, ihm ist es egal. Ja dann wäre es ein bestenfalls beobachtender, ignorierender Gott, schlimmstenfalls ein brutaler Gott. So lassen sich die Gedankenspiele, mit denen man konfrontiert wird, vielleicht zusammenfassen. Was soll ich als Christ dagegen sagen, ich, der die Fragen selber nicht rational beantworten kann? Denn hier beginnt der Glaube. Doch was helfen einem, der nicht glauben kann, Verweise auf den gekreuzigten Sohn, dem Gott kein Leid erspart hat, damit dieser Jesus unser Leid nicht nur begreifen, sondern mittragen kann. Das kann ein Trost sein für den Gläubigen, doch für den Suchenden ist es schon eine Stufe zu weit weg. Wer Jesus nicht als Gott-Sohn akzeptieren kann, der wird sein Leiden bestenfalls als Märchen dulden. So schwierig und zum Scheitern verurteilt eine erschöpfende Antwort auch sein mag, so gibt es doch einige kleine Denkanstöße:
 
 
Wenn Gott ein Diktator wäre
 
Auf dieser Welt müsste eigentlich keiner hungern. Es liegen Felder brach, Nahrung ist ungerecht verteilt, vorhandenes Trinkwasser verschmutzt, Bauern bekamen einst staatliche Hilfen, wenn sie nicht alle Felder bestellten, es gab Butterberge, Milchseen und so weiter. Nahrung wird Tag für Tag weggeworfen. Ist das nicht eine schreiende Ungerechtigkeit, die wir Menschen verursachen? Menschen sehen uns im Fernsehen fast verhungerte, von Fliegen belagerte Kinder an, schütteln entsetzt den Kopf und schreien zu Gott: „Warum lässt du das zu?" Welch ein Dilemma! Ein anderes Szenario: Manche buchen einen teuren Thailand-Urlaub, wollen sich erholen von einem Jahr schwerer Arbeit und Gott würde die gerade erworbenen Flugtickets zerreißen und sagen: „Nee, du fährst dieses Jahr ins 10 Kilometer entfernte Kleinkleckersdorf, kostet 300 Euro und die gesparten 2700 Euro spendest du für hungernde Kinder. Das klingt nach einer Lösung. Aber, wenn Gott allen den Urlaub zurechtstutzt und sie nach Kleinkleckersdorf fahren lässt, was würde aus den Leuten, die in ärmeren Ländern vom Tourismus einigermaßen leben konnten. Und wo will man überhaupt dann Grenzen ziehen? Oder: Gut Verdienende wollen sich eine teure Luxus-Armbanduhr kaufen und Gott würde es verhindern, weil es eine billige aus dem Secondhand-Laden auch tut. Das gesparte Geld, ja, wir ahnen es, soll lieber ... Nur so am Rande, die Luxusuhrenhersteller würden auf ihren Edel-Stücken sitzen bleiben, könnten ihre Produktionsstrecken auf Billig-Uhren nicht so schnell umstellen, müssten Konkurs anmelden, Leute entlassen und so weiter. Das ist auch keine paradiesische Vorstellung, jedenfalls nicht für die nun arbeitslos werdenden. Wie wären die Reaktionen auf so einen Gott? Ich könnte sie gut nachvollziehen, die Wut auf ihn, darauf, wie er sich in das Leben, in die Freiheit des Einzelnen einmischt und jeden bevormundet. Gott wäre ein Diktator und wir ihm hoffnungslos ausgeliefert. Freiheit, scheint das zu sein, was Gott den Menschen zugesteht. Er gönnt ihnen den Thailand-Urlaub, er hat auch nichts gegen die Luxusuhr, die sie sich nach ehrlicher Arbeit uns leisten können. Gott hat uns Erdenbürgern das „eingepflanzt", was Christen „Geist Gottes" nennen und die Atheisten unter dem Wort „Gewissen" kennen. Dort ist es doch verankert, was man tun muss, um verantwortungsvoll, aber nicht rücksichtslos zu leben. Natürlich kann man in Thailand Urlaub machen! Doch muss man dort als Sextourist ins Bordell gehen?
 
 
Die Liste des Vermeidbaren
 
Verantwortungsvolles Leben kann mehr Leid verhindern, als man denkt: Einigen tödlichen Krankheiten kann man mit (oft kostenlosen) Impfungen zuvorkommen. Warum werden nicht alle Kinder geimpft? Mit 190 km/h und einem „Sicherheitsabstand" von 10 Metern zum Vordermann über die Autobahn zu fahren, kann ungesund sein. Warum tun Raser es trotzdem? Passiert ein Unfall, ist er die Konsequenz aus Fehlverhalten. Tragisch ist das Leid Unschuldiger, das aus diesem Fehlverhalten hervorgeht. Sofort wieder ist die Anklage an Gott präsent: „Warum hast du es zugelassen, dass der Raser eine Familie ins Elend gestürzt hat?" Hat der Unfallverursacher mehr Macht über des Unglück einer Familie, als Gott? Ist die Freiheit eines Unvernünftigen mehr wert, als die Gesundheit und das Leben einer unschuldigen Familie? Ich möchte diese Frage später wieder aufgreifen, doch zunächst meine Liste des selber vermeidbaren Leides fortsetzen: Krebs, rechtzeitig entdeckt, ist manchmal therapierbar. - Warum gehen nicht alle zu den kostenlosen Vorsorgeuntersuchungen? Der über der Badewanne hängende Nachbar hatte schon jahrelang Depressionen. - Warum hat sich keiner um ihn gekümmert? Wenn man die 5 Kilometer entfernt wohnenden Freunde besucht, gesund ist und gerade keinen Bierkasten dorthin schaffen muss, kann man auch mit dem Fahrrad fahren. Das schont die Umwelt, also Gottes Schöpfung. - Warum fährt man trotzdem mit dem Auto? Kriege sind kein unabwendbares Ereignis, die einfach auftreten, wie Halsschmerzen. Sie entstehen durch Hass, Neid, Größenwahn, Habsucht, Sadismus; also aus Neigungen, die das Gewissen im Menschen als eher „ungünstig" einstufen sollte. Und Menschen missbrauchen für diesen menschenverachtenden Terror oft genug Gottes Namen. Ist das Gott gegenüber gerecht? Dieses „Ursache-Wirkung-Spiel" könnte man sicher auf viele Bereiche anwenden. Überall wissen Menschen eigentlich, was zu tun ist. Nur eines dürfen sie nicht: Gott für Dinge verantwortlich machen, die er zwar zugelassen aber nicht verursacht hat. Denn er ist keine Feuerwehr, der alle Brände löschen muss, die manche entfacht haben. Wir sind keine Marionetten die nur gehen dürfen, wenn Gott an den Fäden zieht. Doch hier den Artikel zu beenden, würde dem Thema nicht gerecht. Denn es gibt das Leid, das nicht in unserer Hand liegt.
 
 
Das Unvermeidbare
 
Jetzt komme ich wieder auf den Unfall zurück, auf die unschuldigen Opfer und wiederhole damit die Frage: Ist die Freiheit eines Unvernünftigen mehr wert, als die Gesundheit und das Leben einer unschuldigen Familie? Zunächst fällt es mir schwer, analytisch über Tragiken zu schreiben, die Mitmenschen in existenzielle Krisen stürzen und in tiefstes Leid bringen, dem man nur mit großem Mitgefühl gegenüberstehen kann. Ich kann nur bitten, aus diesen Denkanstößen keine Bagatellisierung herauszulesen. Ich glaube nicht, dass es Gott egal ist, wenn jemand Leid erfährt, dass durch die missbrauchte Freiheit des anderen entstanden ist. Auch denke ich nicht, dass der Schöpfer dem ohnmächtig gegenübersteht. Eher (und jetzt muss ich doch in die Kategorie „Glauben" abdriften) wird Gott mitleiden. Er wird enttäuscht sein, dass jemand mit 190 km/h auf der Autobahn einen Kleinwagen auf der Überholspur „abgeschossen" und den Insassen großes Leid zugemutet hat. Aber wenn Gott die Menschen nicht als Marionetten führt, ist das die (wenn auch furchtbare) Konsequenz in seiner brutalsten Art. Gott ist kein Leid fremd. Er hat seinen Sohn am Kreuz sterben sehen und ihn nicht vom Kreuz geholt. Die Freiheit der Henker, böses zu tun, hat er hingenommen, in seiner letzten bitteren Konsequenz, wo es auch für Gott ganz persönlich wurde.
 
 
Leben mit dem Unvermeidbaren
 
Christen haben es in der Beziehung etwas einfacher. Sie versuchen zu beten. Sie vertrauen darauf, dass Gott die Kraft zum Weiterleben gibt, so, wie er Jesus die Kraft in seinem Leid gab ... und auch die Kraft, den Henkern zu verzeihen. In einer Fernsehdokumentation sprach eine Frau, die bei einer Katastrophe ihren Mann verloren hat, dass dieses schlimme Unglück, sie und ihre Tochter stark gemacht hat. Das war beeindruckend. Die Frau begann nach der tiefen Verzweiflung (aus irgendeiner Kraft heraus) ein neues Leben zu beginnen. Dieses „Gestärkt-hervorgehen" aus dem Leid, das Leben trotzdem zu meistern, in Selbsthilfegruppen anderen Gleichbetroffenen helfen zu können, mit alten und neuen Freunden wieder das Lebenswerte am Leben zu entdecken, die ersten langsamen Schritte zu tun, das ist auch etwas Chance. Viele Kriegswitwen mussten Kinder ohne Mann großziehen in einer schwierigen Zeit. Dazu gehören Kraft und Selbstvertrauen, über das sich der Einzelne vielleicht nie vorher im Klaren gewesen ist, dass er es hat. Das alles macht die Situation am Katastrophentag nicht besser, so wie es auch die Kreuzigung Jesus nicht besser gemacht hat. Wenn Christen vor dem Folterinstrument Kreuz sitzen und Gott ihre Verzweiflung entgegenschreien, so kann auch ich nur fragend stehen bleiben. „Warum lässt du Gott, dieses Leid zu?" Hier ist schon aus Achtung vor dem leidenden Menschen jede Antwort, jeder Erklärungsversuch deplaziert.
 
 
Die Kinder in meinen Gedanken
 
Oft staune ich aber, wie die Betroffenen mit diesem Leid umgehen. Während meines Zivildienstes lernte ich viele Kinder kennen, die üble Krankheiten ertragen mussten, die durch schlimme Behinderungen eingeschränkt waren, ja auch Kinder, die dann gestorben sind. Warum lässt Gott das zu? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass diese Kinder mein Leben, mein Denken und meine Wertevorstellungen stärker beeinflusst haben, als jeder andere Mensch. Obwohl sie nicht mehr leben, leben sie in meinen Gedanken und bestimmen meine Ansichten vom Leben. Ich bin ihnen dafür dankbar. Ich bewunder(t)e ihre Kraft, mit diesem schweren Schicksal fröhlich umzugehen und glaube daran, dass ihnen diese Kraft auch ein Stück gegeben worden ist. Das Leid, was sie tragen mussten, was keiner verhindern oder ihnen ersparen konnte, hat meinem Leben viel Kostbares gegeben. Es wäre brutal zu sagen, dass dieses Leid dadurch erklärbar ist. Nein, es ist nicht erklärbar! Und es wird auch nicht dadurch besser, dass andere davon Werte fürs eigene Leben mitnehmen dürfen! Aber, und da beginnt der Glaube, ich hoffe, dass ich in der besseren Welt, die Gott bereithält, in dem Leben nach dem Tod, Antworten finde auf das Warum. Ich hoffe, dass die Ewigkeit eine Glückseligkeit für alle ist. Ich bete für die auf dieser Welt vergessenen, dass Gott ihnen nah ist und ich danke dem Schöpfer, dass er immer noch Geduld mit der Menschheit hat, mit uns Menschen, die sich einander so viel Leid zufügen.
 
Text und Foto: Henning Leisterer